2. Ethikforum am 3. Dezember 2012

"Gott und Geld: Diakonie zwischen Wirtschaftlichkeit und christlichem Auftrag"

Das zweite Ethikforum der Diakonie Stetten fand am "Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung" am 3. Dezember 2012 in der Glockenkelter in Kernen-Stetten statt.

Als namhafter Referent war der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Prof. Dr. Wolfgang Huber vor Ort. Er sprach zum Thema "Gott und Geld: Diakonie zwischen Wirtschaftlichkeit und christlichem Auftrag".

 „Diakonie ist eine Lebens- und Wesensäußerung der Kirche; sie ist aber auch ein Teil der Gesellschaft. Sie praktiziert nicht nur die Liebe zum Mitmenschen; sie muss sich auch auskömmlich finanzieren.“

Prof. Dr. Wolfgang Huber

Dies machte Prof. Dr. Wolfgang Huber in seiner Rede eindrucksvoll deutlich: „Dass die Pflege ein Kandidat für den Mindestlohn ist, muss für Kirche und Diakonie ein Alarmsignal sein!“  Dieses Alarmsignal sollte nach Überzeugung von Wolfgang Huber gerade nicht dazu führen, dass die Motive der Liebe zum Mitmenschen und des Dienstes am Nächsten auf die Müllhalde der Geschichte geworfen werden. „Wenn wir der Fährte dieser Tradition – gebündelt in dem Satz: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf“ – folgen, dürfen wir die Augen vor den Schattenseiten dieser Traditionslinie nicht verschließen. Vielleicht werden wir aber auf diesem Weg auch das Feuer unter der Asche entdecken, das Feuer, das heute wieder wärmen kann. Denn der Dienst am Mitmenschen ist nach wie vor eine herausragende Gestalt christlicher Nächstenliebe. Er ist um der Menschlichkeit unserer Gesellschaft willen unentbehrlich. Er verdient angemessene Würdigung und ist seines Lohnes wert“, sagte der ehemalige Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Soziale Berufe, so forderte es Wolfgang Huber, müssen in der Gesellschaft die Anerkennung und Wertschätzung finden, die ihr nach Auffassung des weit überwiegenden Teils der Bevölkerung zukommen muss. Die einzelne Einrichtung muss für diese Berufe Bedingungen schaffen, die stark an den Bedürfnissen und dem jeweils erreichbaren Maß an Eigenständigkeit der zu Pflegenden auch in ihrer persönlichen Lebens- und Arbeitssituation die Wertschätzung erfahren, ohne die sie ihre Aufgabe nicht wahrnehmen können.

Wolfgang Huber betonte, dass die diakonischen Träger und mehr noch die Mitarbeitenden eine wachsende Spannung erleben zwischen dem, was sie um ihrer Klienten willen und aus fachlicher Gewissenhaftigkeit für notwendig halten, und dem, was ihnen unter Kostengesichtspunkten zugestanden wird. Er sagte: „Zu meinem großen Bedauern ist es nur allzu wahr. Für eine „erweiterte große Körperpflege“, für Aufstehen, Toilettengang, Zähneputzen, Duschen und Ankleiden und vielleicht auch für ein kurzes Gespräch nebenher steht heute dieselbe Summe zur Verfügung, die man braucht, um seine Autoreifen wechseln zu lassen.“
Der Kreuzungspunkt zwischen diesen beiden auseinanderstrebenden Tendenzen ist, so Wolfgang Huber, die Zeit, die für den einzelnen Menschen aufgewandt wird oder für die einzelne Verrichtung aufgebracht werden darf. Dieser Kreuzungspunkt zeigt sich, so stellte er es dar, ebenso in der Zeit, die dem einzelnen für einen Krankenhausaufenthalt, eine Rehabilitation oder eine andere derartige Maßnahme eingeräumt wird. Ökonomisierung und Zeitpolitik verbinden sich miteinander; auf diese Weise übt die Ökonomisierung Herrschaft über die Mitarbeitenden aus und bestimmt die Bedingungen, unter denen Klienten oder Patienten Hilfe erfahren. Das diakonische Leitbild einer ganzheitlichen Zuwendung zum Menschen droht unter dem Druck dieser Art von Ökonomisierung zu zerbröseln.

Für die Diakonie, betonte Wolfgang Huber, besteht das ökonomische Gebot glücklicherweise nicht darin, einen möglichst hohen Profit zu machen; sehr wohl aber besteht dieses Gebot darin, mit den verfügbaren Mitteln Diakonie so zu organisieren, dass sie den Menschen, die der Diakonie anvertraut sind, wirksam zu Gute kommt, dass die Mitarbeitenden angemessene Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und Arbeitsmöglichkeiten haben, und dass diese Arbeit auf Dauer tragfähig und damit zukunftsfähig ist.    

Doch gerade wenn man so fragt, zeigt sich, dass die Diakonie in einer Zeit der Ökonomisierung erst recht darauf angewiesen ist, sich ihres christlichen Auftrags zu vergewissern und auf seiner Grundlage eine diakonische Ethik zu entwickeln.
 
Wolfgang Huber, der Mitglied des Deutschen Ethikrates ist, begrüßte es ausdrücklich, dass die Diakonie Stetten ein Programm entwickelt hat, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur ethische Fortbildung erfahren, sondern auch in konkreten ethischen Konfliktsituationen beraten werden und auf Grund einer solchen Beratung Lösungsmöglichkeiten entwickeln können. Nach Auffassung von Wolfgang Huber liegt ein wesentlicher Grund dafür, dass die Bindung an ein diakonisches Ethos in Frage gestellt wird, in der Arbeitssituation, mit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie, insbesondere in der Pflege, konfrontiert sind. Der Stress der Arbeitsbedingungen und der magere Charakter der Vergütungen, die psychische Beanspruchung in den Pflege- und Betreuungsbeziehungen und die fehlende Möglichkeit dazu, diese Belastungen zu verarbeiten, führen zu einer inneren Einstellung, die auf alles andere gerichtet ist als darauf, einem diakonischen Ethos verstärkt Raum zu geben. Denn eine solche Vorstellung wird als zusätzliche Anforderung erlebt, die den Stress nur noch weiter verstärkt, statt ihn abzubauen. Wolfgang Huber hält es deshalb für unbedingt notwendig, vom Mitarbeitenden her zu denken und zu handeln: „Ethisches Nachdenken muss entlasten, darf nicht belasten!“

Wolfgang Huber sieht einen sich abzeichnenden Paradigmenwechsel, der darin besteht, die diakonischen Aufgaben von der Situation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter her zu betrachten und beispielsweise unter dem Leitbegriff einer „geistesgegenwärtigen Pflege“ die Pflegenden in ihrer personalen Identität neu in den Blick zu rücken: Selbstsorge, Spiritualität und Existenzielle Kommunikation werden aus dieser Perspektive zu Säulen diakonischer Pflege erklärt. Doch eine solche Konzentration auf diejenigen, die pflegen oder in anderen diakonischen Berufen den Menschen beistehen, und ihre menschliche Identität kann natürlich nicht von den Rahmenbedingungen absehen, unter denen dieses Menschsein sich entfalten kann oder vom Verkümmern bedroht ist.

Zu diesen Rahmenbedingungen gehört, dass in Erziehung, Pflege und Hauswirtschaft noch immer keine angemessenen Löhne gezahlt werden. Und auch die Lobby für diese Berufe ist noch immer zu schwach. Das hat zur Folge, dass die verabredeten Pflegesätze und anderen Entgelte der Kostenträger zu niedrig und dadurch die Entlohnungen zu gering, die Zeittakte dagegen oft unerträglich hoch sind.
„Im Menschen den Menschen sehen“ - ein, wie Wolfgang Huber sagt, „wunderbares Leitmotiv“ der Diakonie Stetten bedeutet seiner Überzeugung nach, in jedem Einzelnen den Menschen in seiner gleichen Würde zu sehen, ebenso in den Menschen - gleich welchen Typs, das Individuum und seine Geschichte zu erkennen und ebenso den Menschen vor Gott zu sehen. Aber, dies machte Wolfgang Huber besonders deutlich, „das gilt nicht nur für die Schutzbefohlenen, das muss auch für die Mitarbeitenden gelten. Eine Diakonie, die Ernst macht mit ihrer ethischen Selbstdefinition, muss immer den Mitarbeitenden im Blick haben und darauf schauen, dass die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung angemessen sind, muss „verlässliche, dauerhaft gesicherte Arbeitsplätze bieten und immer auch prüfen, ob die Auslagerung von Dienstleistungen, so wirtschaftlich rentabel sie sein mögen, moralisch auch überzeugen. Wolfgang Huber: „Eine Diakonie, die sich die Frage nach ihrer Kernkompetenz nicht mehr stellen würde, gäbe sich selbst auf. Und erst recht könnte es nur Erstaunen wecken, wenn ausgerechnet die Diakonie die ethischen Standards ihres Tuns in dem Augenblick nicht mehr reflektieren würde, in dem in anderen Bereichen wirtschaftlichen Handelns nachdrücklicher als zuvor nach dem ethisch Gebotenen und dem moralisch Unzulässigen gefragt wird.“

Für Wolfgang Huber ist es keine Frage: „Selbstlose Aufopferung kann nicht das Anforderungsprofil sein und „dienen dürfen, nicht der Lohn“. Wer für andere Menschen da sein soll und will, der muss auch auf die Selbstsorge achten und achtsam mit sich selbst umgehen. Wer anderen hilft, braucht seine eigene Stärke!“, forderte Wolfgang Huber und zitierte das biblische Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“.