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„Nicht am Menschen sparen“ - Bündnis startet Kampagne für Bürokratieabbau statt Kürzungen im Sozialbereich. Nicht die Menschen sind zu teuer – sondern die Bürokratie.
Stuttgart, 6. Mai 2026 – Mit einer eindrucksvollen Protestaktion ist in Stuttgart die landesweite Kampagne „Nicht am Menschen sparen“ gestartet. Rund um den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung setzen soziale Einrichtungen, Betroffene und Angehörige damit ein deutliches Zeichen gegen drohende Kürzungen im Sozialbereich – und machen gleichzeitig konkrete Vorschläge, wie Einsparungen auch ohne Leistungskürzungen möglich sind.
Vor der Geschäftsstelle der Offenen Hilfen Stuttgart der Diakonie Stetten wurde das Kampagnenmotiv „Nicht am Menschen sparen“ mit einem roten Kreuz im XXL-Format inszeniert. Menschen mit Unterstützungsbedarf, Angehörige und Mitarbeitende machten deutlich: „Ich bin kein Sparpotenzial.“ Begleitet wurde die Aktion von einer symbolischen Protesthandlung: 44 Aktenordner wurden entsorgt – einer für jeden Stadt- und Landkreis in Baden-Württemberg, in denen unterschiedliche Verfahren und Standards unnötig Bürokratie erzeugen. Hinter der Kampagne steht ein Bündnis von 15 sozialen Einrichtungen und Verbänden. Gemeinsam erreichen sie deutlich über 40.000 Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Bei der Protestaktion vor dem Gebäude der Offenen Hilfen Stuttgart der Diakonie Stetten machten sich Betroffene, Angehörige und Mitarbeitende der beteiligten sozialen Einrichtungen für Bürokratieabbau und gegen Kürzungen im Sozialbereich stark.
Sparen ja – aber nicht am Menschen
Die zentrale Botschaft des Bündnisses geht über ein „Nein“ zu Kürzungen hinaus: Es gibt realistische Möglichkeiten zu sparen – ohne bei den Menschen zu sparen. Ein bislang zu wenig genutztes Potenzial liegt im Abbau von Bürokratie: uneinheitliche Verfahren, mehrfach zu erfassende Daten, fehlende digitale Lösungen sowie hohe Abstimmungs- und Verwaltungsaufwände. Eine aktuelle Untersuchung des Brüsseler Kreises* zeigt: In der direkten Betreuung gehen im Schnitt rund eineinhalb Stunden täglich für rein bürokratische Tätigkeiten verloren. Diese Zeit fehlt dort, wo Unterstützung wirkt – bei den Menschen. Gelingt es, diese Bürokratie zu reduzieren, profitieren alle: Menschen mit Unterstützungsbedarf, Angehörige, Mitarbeitende, Einrichtungen – und auch Kommunen, Land und Bund, weil knappe Mittel wirksamer eingesetzt werden können. Damit versteht sich die Kampagne als konstruktiver Beitrag zur aktuellen Spar- und Reformdebatte.
Konkrete Schritte statt abstrakter Forderungen
Die Kampagne richtet sich gezielt an die Landespolitik und die entstehende neue Landesregierung. Kernforderung ist, Bürokratieabbau im Sozialbereich zu einem zentralen politischen Vorhaben der kommenden Legislaturperiode zu machen.
Dazu gehören:
- landesweit einheitliche, verständliche Bescheide
- standardisierte und digitale Abrechnungsverfahren, insbesondere eine einheitliche E-Rechnung
- verbindliche IT-Standards und Schnittstellen zwischen Einrichtungen, Verwaltungen und Kostenträgern
- konsequente Digitalisierung von Verwaltungsprozessen
- bessere Abstimmung zwischen Einrichtungen, Verwaltungen und Kostenträgern
Ein konkretes Beispiel ist der gemeinsame „Letter of Intent“ von Rems-Murr-Kreis und Diakonie Stetten. In diesem Pilotprojekt sollen Verwaltungsprozesse in der Eingliederungshilfe – etwa Entgeltverhandlungen, Bescheide und Rechnungsstellung – vereinfacht, standardisiert und digitalisiert werden. Das zeigt: Bürokratieabbau ist praktisch umsetzbar, wenn Leistungsträger und Leistungserbringer gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Parallel zum Kampagnenstart wurde eine Online-Petition gestartet. Ziel sind mindestens 25.000 Unterschriften.
Unterstützen Sie unsere Kampagne mit Ihrer Unterschrift!
Den Link zur Online-Petition finden Sie auf der Infoseite zur Kampagne www.nichtammenschensparen.de
Stimmen zur Kampagne
Dr. Kornelius Knapp, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Württemberg:
„Wir sehen seit Jahren, dass immer mehr Ressourcen im System gebunden werden – nicht bei den Menschen, sondern in komplexen Verfahren. Genau hier liegt die Chance: Wenn wir Bürokratie konsequent abbauen, können wir Mittel freisetzen, ohne Leistungen zu kürzen.“
Dietmar Prexl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten:
„Wenn wir bei Menschen sparen, sparen wir am falschen Ende. Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch – wir müssen sie nur endlich umsetzen.“
Martin Adel, Vorstandsvorsitzender der Johannes-Diakonie Mosbach und Sprecher der „Initiative – Unternehmensfachverband für Teilhabe Baden-Württemberg“:
„Unsere Mitarbeitenden erleben jeden Tag, wie viel Zeit durch komplizierte Abläufe verloren geht. Zeit, die eigentlich für Menschen da sein sollte. Wenn wir Prozesse vereinfachen und besser abstimmen, gewinnen wir genau das zurück – und entlasten gleichzeitig die öffentlichen Haushalte.“
Gerhard Pfeiffer, Vorsitzender Angehörigenbeirat der Diakonie Stetten:
„Für uns Familien geht es um konkrete Unterstützung im Alltag. Wenn Leistungen gekürzt werden, hat das direkte Auswirkungen auf unsere Familienangehörigen mit Behinderung. Umso wichtiger ist es, dass jetzt Lösungen umgesetzt werden, die die Menschen schützen – und nicht zusätzlich belasten.“
Hintergrund
Die Kampagne startet in einer Phase, in der viele Kommunen unter erheblichem finanziellem Druck stehen und Einsparungen im Sozialbereich diskutiert werden. Gleichzeitig wächst der bürokratische Aufwand weiter: Unterschiedliche Verfahren in den 44 Stadt- und Landkreisen sowie fehlende digitale Lösungen binden erhebliche Ressourcen. Die Initiatoren sehen darin Einsparpotenzial. Der „Letter of Intent“ von Rems-Murr-Kreis und Diakonie Stetten soll dafür als Lernraum dienen, um konkrete Prozesse zu erproben und übertragbare Standards für Baden-Württemberg zu entwickeln.
Bündnispartner
Hinter der Kampagne „Nicht am Menschen sparen“ stehen aktuell folgende soziale Einrichtungen und Verbände aus Baden-Württemberg: Diakonie Württemberg; „Die Initiative“ – Unternehmensfachverband für Teilhabe Baden-Württemberg e.V.; Diakonie Stetten e.V.; Johannes-Diakonie Mosbach; Die Zieglerschen; Bruderhausdiakonie; Atrio Leonberg; Paulinenpflege Winnenden; Evangelische Stiftung Lichtenstern; Offene Hilfen Heilbronn; Stiftung St. Franziskus; Diakonie Kork; Badischer Landesverein für innere Mission; Lebenswerkstatt für Menschen mit Behinderung e. V. Heilbronn; Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB).
*Brüsseler Kreis
Der Brüsseler Kreis ist ein Verein aus 13 gemeinnützigen sozial- und gesundheitswirtschaftlichen Unternehmen. Auf der Basis des christlichen Menschenbildes erbringen diese Organisationen soziale Dienstleistungen in den Bereichen Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Altenhilfe, Bildung, berufliche und medizinische Rehabilitation sowie im Gesundheitswesen. Die Unternehmen im Brüsseler Kreis stehen für Inklusion im Sinne der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Im Zusammenschluss Brüsseler Kreis treten sie für eine gesellschaftliche Entwicklung ein, die nachhaltig die Belange unterstützungsbedürftiger Menschen sichert. Der Brüsseler Kreis fördert den gesellschaftspolitischen Austausch über soziale Dienstleistungen und tritt für die Interessen der Mitgliedsunternehmen auf europäischer und nationaler Ebene ein. Dazu gehört der politische und gesellschaftliche Dialog in Deutschland und Europa mit Entscheidungsträgern aus Politik, Verbänden und weiteren Interessensvertretungen. (https://www.bruesseler-kreis.de/portraet.html)
zum Download:
Plakat Kampagne #NichtamMenschensparen (230 KB)

