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Plötzlich Social Media Zivi

Blogger Kai Thomas Geiger

Zu dieser Aufgabe hier in der Diakonie Stetten bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind: ein Freund, ehemaliger Kollege und langjähriger Wegbegleiter hat mich gefragt, ob ich das Jubiläumsjahr der Diakonie Stetten immer mal wieder auf Social Media begleiten will. Eigentlich bin ich Kreativdirektor, Texter, Regisseur, Buchautor, Blogger. Also alles, nur kein Social Media Beauftragter für eine Institution, die sich um Menschen mit Unterstützungsbedarf kümmert.

Aber noch eines bin ich: saumäßig neugierig. Auf das, was ich nicht kenne. Das, was hinter Türen steckt, die sich nur öffnen, wenn man sich auf etwas Unbekanntes einlässt. Und auch auf das, was mir Angst macht und was mich befremdet. Das alles trifft auf Menschen mit Behinderung und die Arbeit der Diakonie in hohem Maße zu. Und deshalb machen wir das jetzt. Die Diakonie und ich und ihr hoffentlich auch: das Abenteuer, 1 Jahr lang Social Media Zivi für die Diakonie Stetten zu sein. Das wird vielleicht nicht immer politisch korrekt sein und vielleicht nicht immer wie man es von einer Einrichtung der evangelischen Kirche gewohnt ist – aber ganz sicher wird’s immer authentisch Ich sein. Versprochen.

Mein Name ist Kai Thomas Geiger und ich freu mich auf diese neue Erfahrung und den Sprung in ein für mich wirklich saukaltes Wasser: mehr als 35 Jahre nach meinem eigentlichen Zivildienst plötzlich Social Media Zivi zu sein.

>> Zum ersten Beitrag vom 25.01.2024

 

Der Lauf des Lebens

21.05.2024

Ich sag’s lieber gleich: ich bin kein Läufer. War aber schon oft auf Laufveranstaltungen. Das kommt davon, wenn man mit einer Triathletin / Marathonläuferin verheiratet ist. Begleitfahrzeug und Streckenfotograf kann ich.

So auch beim 17.AOK Firmenlauf, bei dem die #DiakonieStetten zur Feier des Jahres mit 175 Läufer*innen an den Start gegangen ist. Und wie es sich für ein Jubiläum gehört, trägt das Team die Startnummern vom Gründungsjahr bis heute. 1849 bis 2024. Respekt für diese Logistik an alle Beteiligten.

Alle sind sie da: die Daimlers, die Dekras, die Boschler. 6000 Menschen, 26 Grad und 95% Polyester sind für den Unbeteiligten schon vor dem Lauf eine leichte Herausforderung in der Nasengegend. Die Stimmung ist aufgekratzt bis gut. Daran können auch die Dixi-Klos und der Event-DJ nichts ändern, bei dem ich mich frage, was schlimmer ist: seine Musik oder seine Ansagen?

So divers das Team der Diakonie ist, so unterschiedlich sind auch die Aufwärm-Rituale: einige dehnen sich, andere rauchen. Eine letzte Banane als legales Doping. Es gibt Group- und Einzelhugs oder ein Selfie mit OB Nopper.

Und da steht das Selbsthilfe-Grüppchen „ich bin sau nervös“ zusammen.

Was sich durch alle Firmen durchzieht: so richtig weiß keiner, wann, wo und wie es losgeht. Laufen ohne Vorgesetzte steht eben in den wenigsten Job-Beschreibungen. Also muss man sich auf sein Team verlassen. Etwas, das man – wie ich inzwischen gelernt habe – in der Diakonie Stetten ganz gut beherrscht. 

Einige ganz Tapfere treten zusammen mit Klienten und Klientinnen im Rollstuhl an. Der Jubel für diese Startergruppe ist riesig und schenkt nochmal einen Schub Motivation für die bevorstehenden 6 Kilometer.

Am Ziel treffe ich Dodji mit der historischen Startnummer 1849 wieder. Bissle chaotisch sei sie gewesen, die Streckenführung, lacht er. Seine Zeit wisse er gar nicht, aber es gehe ja auch nicht ums Gewinnen. Sondern ums Dabeisein.

Und ich bin froh, nur als Zuschauer dabei gewesen zu sein. So wie ihr nach dem Lauf ausseht, möchte ich bitte nicht riechen.

 

 

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Selfie mit der MTV-Gräfin

16.05.2024

Wenn auf einer Einladung die Worte „Flöte“ und „Festakt“ stehen, bin ich normalerweise verhindert. Aber man wird ja nicht alle Tage auf ein Schloss eingeladen. Der Anlass: Die Geburtstagsfeier zum 175. der Diakonie Stetten.

Nicht auf den Tag, aber auf den Ort genau. Denn auf Schloss Riet beginnt die Geschichte. Hier mietete Dr. Georg Friedrich Müller im Jahr 1849 Räume für sich und zunächst 2 Kinder.

Ohne zu wissen, dass sein Lebenswerk so viele Jahre später noch Bestand haben soll. Und dass ihm seine Bezeichnung heute – in Zeiten von political correctness und Shitstorms – wohl um die Ohren fliegen würde: „Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder.“

Heute wie damals sind die Schlossherren die von Reischachs. Gräfin Kimsy von Reischach begrüßt mich mit den Worten: „Du bist immer da, wo es cool ist.“ Heute abend ist es also cool auf Schloss Riet.

Dazu 3 fun facts: 1. Wir kennen uns aus anderem Kontext – daher die Vertrautheit. 2. ihr voller Name lautet Kimberly Karen Daisy Louise Gräfin von Reischach. 3. in den 90ern war sie mal Moderatorin beim Musiksender MTV.

Ich bekomme mein Fanboy-Foto, hab aber die Augen zu. Anfängerfehler. Wie auch meine Frage, wie oft der Gärtner kommen muss. „Der lebt hier“. Wir müssen den wunderschönen Garten, der ein Park ist, aber leider verlassen und in die Eingangshalle ausweichen, weil es anfängt zu regnen. Dafür wird’s dann innen schön kuschelig. Zusammenrücken können sie ja bei der Diakonie.

Wir sitzen unter Geweihen und Wildschweinkopf. Lanzen und Kronleuchter. Die perfekte Kulisse, um die lange Geschichte lebendig werden zu lassen. Vorstand, Archivar, Bürgermeister und Pfarrer erzählen kurz und kurzweilig. Dann folgt die Flöte. Und weil sie ganz mutig und beherzt von einem Klienten der Diakonie gespielt wird, ist es auch gar nicht schlimm. Sondern sogar ein bisschen cool.

 

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Derbysieger der Herzen

30.04.2024

Stuttgarter Stadtderby auf der Waldau. Die Kickers empfangen den VfB II. Erster gegen Dritter. Der Wettergott stellt seine Schalter auf 20 Grad und der Fußballgott seine auf Dramatik pur: Es geht für beide um nicht weniger als den Aufstieg. Für mich als Kickers-Fan wird das ein Spiel unter erschwerten Bedingungen. 1. schwächeln meine Blauen gerade zum Saisonende immer mal wieder. 2. sind viel zu viele VfB-Fans in Degerloch und machen das Kickers-Heimspiel zu einem VfB-Auswärtsspiel. 3. habe ich Anhang: Neun Klienten aus einem Wohnhaus der Diakonie Stetten für Menschen mit geistiger Behinderung. Alle haben sie kognitive Einschränkungen, manche auch körperliche. Ich bin normalerweise ein 1-Mann-Fanclub. Komme und gehe und bruddle, wann ich will. Und muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Das wird eine neue Erfahrung hier. Danke dafür an die SV Stuttgarter Kickers e.V. für die Einladung. Und an alle fürs Dabeisein.

Kurze Vorstellungsrunde. Zum Warmwerden frage ich, wer für welche Mannschaft ist. Die meisten für den VfB. Der Martin für die Bayern. Und Justine ist es „scheißegal, wer gewinnt. Hauptsache ich kann rauchen.“ Sie habe ich schon vor dem Anpfiff ins Herz geschlossen.

Fabien erzählt mir, dass er früher gearbeitet habe, jetzt lange raus war und ab Montag wieder Werkstätten anrufen werde, weil er zurück ins Berufsleben will.

Und mit Bayern-Fan Martin entsteht so etwas wie ein Gespräch über Fußball. Er hofft, dass die Kickers das 1:0 schießen und das Spiel dann zu Ende ist. Ja – das wünscht sich der Großteil der 9.550 Zuschauer an diesem Nachmittag auch. Aber es soll anders kommen:

Der VfB geht erst 1:0, dann 2:0 in Führung. Das war’s dann wohl mit Heimsieg und vielleicht sogar Aufstieg – denken wohl alle, außer Martin und Fabien. Denn Stehaufmännchen und Zurückkämpfer gibt’s nicht nur in Plattenhardt bei der Diakonie sondern auch im Kader der Kickers. Die gleichen spät und verdient noch zum 2:2 aus und das ganze Gazi-Stadion bebt.

Vor lauter Aufregung lassen sich einige der Klienten von den Betreuern in den Arm nehmen. Das war wohl etwas viel. Und hätten die Kickers verloren, hätte ich von diesem Angebot auch Gebrauch gemacht.

Am Ende trennen sich die Kickers und der VfB II also leistungsgerecht unentschieden. Das beste Team war an diesem Samstagnachmittag aber sowieso „mein Team“ – die Plattenhardt Ultras.

 

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Kollektive Intelligenz: mein erster Hackathon

15.04.2024

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie man KI in der Sozialbranche einsetzen kann, veranstaltete die Diakonie Stetten im Rahmen des Jubiläumsprogramms einen spannenden, inklusiven Hackathon. Eingeladen waren Menschen, die bei der Diakonie arbeiten, bei der Gemeinde Kernen – und Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen.

Für mich war das der erste Hackathon – und ich hatte mehr Computer, mehr Nerds und weniger komplexe Aufgaben erwartet: „Wie können wir vermeiden, dass Menschen mit Behinderung durch den Einsatz von KI noch mehr ausgeschlossen werden?“ lautet z.B. eine.

In wild gemischten Gruppen sollten die Teilnehmer*innen neue Lösungen für diese und andere Fragen finden. Dazu wurde diskutiert, ge-prototyped, gepitcht - und wenn es dafür schon eine App gäbe, hätte man hier Köpfe rauchen sehen. Beim Nachdenken, beim Eintauchen in die oft fremde Thematik Pflege. Und beim Befragen derer, die täglich mit diesen Aufgaben konfrontiert (und zum Teil sicherlich auch überfordert) sind: Die Mitarbeiter*innen und Klient*innen der Diakonie, die Rede und Antwort standen, damit die Lösungen, die hier kollektiv entstehen sollten, sich auch an den echten Problemen orientieren. Die Ideen reichten vom digitalen Beratungs-Bot bis zur ethisch und moralisch denkenden Software.

Zwischen den Sessions gab es dazu Vorträge, Praxisbeispiele und wertvolle Tipps von Moderator*innen und Mentor*innen. Der wichtigste lautete: KI muss bitte immer der Co-Pilot sein und darf nie ans Steuer. Es braucht hybride Lösungen. Mensch und Maschine sollen zusammenarbeiten, nicht gegeneinander.

Da war es wieder: dieses Miteinander, das auch die Arbeit der Diakonie Stetten ausmacht. Miteinander ausprobieren und diskutieren. Berührungspunkte schaffen. Gemeinsames Nachdenken und Dranbleiben. Das Machen und das Überwinden von Denkmustern. Denn so fängt jede Lösung an: Indem man sich intensiv mit der Frage beschäftigt. Und das am besten nicht alleine.

 

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High Five mit zwei linken Händen

28.03.2024

Besuch im Berufsbildungswerk Waiblingen, das zur Diakonie Stetten gehört und jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf dabei hilft, eine Ausbildung und erste Schritte auf dem Arbeitsmarkt zu machen. Oder überhaupt mal rauszufinden, was sie können und wollen. Das nennt sich dann BvB - Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme – und ich werde in so eine mittenrein geworfen.

Wir überspringen die Eignungsanalyse und ich werde unvernünftigerweise in die Holzwerkstatt gesteckt. Zu Tim, Timo, Angelina. Alle drei um die 18. Alle drei erstmal skeptisch, was der Mann mit den 2 linken Händen da macht. Der macht, was er am besten kann: Quatsch.

Ich erlaube das Rauchen in der Werkstatt (machen wir nicht), führe den Leitsatz „Freitag ab eins macht jeder seins“ ein (praktizieren wir nicht). Und bestimme, dass bald Osterferien für alle sind.

Die jungen Menschen danken das mit High Fives und ihren Geschichten. Von abgebrochenen Ausbildungen. Vom Fehlversuch, länger als einen Monat in einem Büro zu überstehen. Von Psyche und Psychiatrie. Vom Scheitern, Wiederaufstehen und hier neu anfangen. Von zweiten, dritten und vierten Chancen.

Und ich verstehe, dass es hier gar nicht um Holz geht. Es geht um Fürsorge. Darum, an diese jungen Menschen zu glauben. Und ihnen zu vermitteln, dass das System sie hier nicht rauskegelt, sondern einlädt, Teil davon zu sein. Das hier ist ein guter Ort. Und die Kids haben Glück.

Weil sie sich und ihren zukünftigen Job hier unter besten Voraussetzungen ausprobieren können. In 35 Berufen. In modernen Werkstätten. Wo nötig psychologisch, pädagogisch, medizinisch unterstützt. Bei Bedarf gibt’s im Internat auch Wohnplätze.

Schön zu sehen und zu hören, dass das Konzept aufgeht: es gibt Erfolgsgeschichten wie die von Denise, die mit Lernschwierigkeiten und Epilepsie hierher kam. Und die heute Chef de Service in einem 5-Sterne Hotel in der Schweiz ist.

Einer der Jungs hat hier schon 12 Praktika hinter sich. In 12 Bereiche reingeschnuppert. Das Ergebnis: ihm gefällt „alles am besten, außer Ziehpflanzen.“ Jetzt will er das vereinen und Facility Manager werden.

Nicht alle, die hier Orientierung suchen und finden sind Kids. Einige sind erwachsen. Einer war 38. Und dann eben noch ich. Ich weiß jetzt, was ich NICHT machen will: was mit Holz und Säge. Aber super gerne was mit diesen tollen Menschen hier.

 

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Ganz normal, dass wir verschieden sind

15.03.2024

Die Torwiesenschule in Stuttgart-Heslach – auch eine Einrichtung der Diakonie Stetten - vereint Sonder-, Real- und Grundschule unter einem Schuldach. Und es heißt nicht mehr Sonderschule, habe ich gelernt, sondern SBBZ – Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum.

Hier lernen Schüler*innen mit und ohne Behinderung gemeinsam, aber unterschiedlich. Je nach motorischer und geistiger Fähigkeit. 2 Schulstunden lang darf ich reinschnuppern und weil es eine Schule ist, natürlich auch was lernen.

Zum Beispiel, wie das bitteschön funktionieren soll, wenn ein Teil der Schüler*innen mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung durchs Leben geht, der andere Teil aber nicht.

Indem man mit unterschiedlichen Anforderungen am gleichen Thema arbeitet, erklärt mir die superfreundliche Schulleiterin. Das nennt sich dann „Lernen am gemeinsamen Gegenstand“. Beispiel Mathe: während ein Kind mit geistiger Behinderung üben muss, einen kegelförmigen Gegenstand zu greifen und zu halten, bekommt ein Kind ohne Einschränkungen die Aufgabe, dessen Volumen zu berechnen. Beide arbeiten mit dem gleichen Objekt, beide sitzen im gleichen Klassenzimmer, beide haben Lernerfolge.

Ich bekomme einen Eindruck und einen Einblick in vier Klassen. Erlebe Kids beim Ausdenken eines Fantasietieres, das sie später als Stop-Motion-Film animieren, beim Basteln von Osternestern-to-go, aber auch dabei, wie sie Rechenaufgaben am iPad oder mit Spielgeld lösen. Und sogar beim Stricken. Im Schulfach Textiles Werken - mein persönlicher Horror, haha, Handarbeiten eine glatte 5.

Mehr als der Unterricht interessiert mich aber, wie das für die Schüler selbst wohl funktioniert. Dieses Miteinander, das für manche doch bestimmt auch ein Durcheinander ist. Ein Junge, der fast nichts sieht, ein anderer im Rollstuhl, ein Mädchen mit Trisonomie 21 und dazwischen Schüler und Schülerinnen ganz ohne Beeinträchtigungen. Und einer davon, ruft mir beim Rausgehen die Antwort auf mein großes Fragezeichen zu: „Es ist doch ganz normal, dass wir verschieden sind.“

 

 

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Einhundert Jahre voller Leben

29.02.2024

Ihren Rollator nennt sie liebevoll Kutsche, ihr Leben - nachdem es lange ein verworrenes Labyrinth war - heute einen blühenden Garten. Edith Humburg, Jahrgang 1923, ist Bewohnerin des Alexander-Stift in Allmersbach im Tal. Eine Altenhilfe-Einrichtung, die zur Diakonie Stetten gehört. Ich darf die Pfarrerstochter und Künstlerin besuchen. Meine Freude ist zum Glück größer als meine Scheu vor einem Altenheim. Und sie verrät mir gleich mal das Rezept gegen ihre Depressionen: „Ich sage mir dann hoppla! Das sind deine privaten Gedanken in deinem eigenen Hirn. Niemand anders denkt die. Du bist selbst verantwortlich für das, was du denkst. Da hast du den verkehrten Sender eingeschaltet.“

Ich hatte eine 100-Jährige in einem kargen Raum im Krankenbett erwartet. Aber Edith Humburg sitzt an einem geschreinerten Schreibtisch, in einem gemütlichen Zimmer voller Erinnerungen, ein offenes Notizbuch vor sich. Es scheint, als hätte ich sie beim Arbeiten unterbrochen. „Denken tue ich sehr viel – das ist mein Hobby“, sagt sie. „Und hier habe ich Zeit zum Nachdenken.“

Bevor sie nach Allmersbach kam, lebte sie in Ochsenwang auf der Alb. In einem Ort, den sie beim Wandern für sich entdeckt hat. Mit 89 zog sie aus einer 180 Quadratmeter Villa in ein 16 Quadratmeter Zimmer im Hotel Krone. Alleine und aus freien Stücken. „Ich habe immer krasse Veränderungen durchgemacht.“ Die Weite dort habe sie froh gemacht. Und die Ruhe. „Man hat mich auch nicht mit Besuchen überfallen.“

Viele feine Details unserer intensiven Begegnung klingen immer noch in mir nach. Das war eine schöne Lektion Lebensschule. Meine Lieblingsstelle: Edith Humburg hat 50 Jahre ihres langen Lebens in Degerloch verbracht. Und als ich ihr erzähle, dass ich dort auch zuhause bin, strahlt sie – und sagt einen Satz, der auf Kissen gestickt gehört. „Das heimelt mich jetzt aber riesig an.“ Am 18.6. wird Edith Humburg 101 Jahre jung.

 

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Ein kleines bisschen Inklusion

16.02.2024

Hier für die Diakonie Stetten darf ich 2024 den Social Media Zivi machen. Meinen richtigen Zivildienst habe ich damals in einer Tagesgruppe für milieugeschädigte Kinder gemacht. Das Foto lässt erahnen, wie gerne. 20 Monate VW-Bus fahren und Kinder betreuen und bespaßen, die nicht das Glück hatten, am Killesberg geboren zu sein, sondern in Orten wie Neugereut, Hallschlag, Stuttgart-Rot. Problemzonen der Stadt. Mit Menschen mit Behinderung wollte ich damals bitte nicht arbeiten müssen. Zu groß waren die Hemmschwelle und im wahrsten Sinne die Berührungsängste.

Sowas gab es nämlich nicht, Ende der 80er, in den Stuttgarter Vorzeige-Vororten: Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderung. Nur der Bruder vom Urban - ein Mitschüler und Nachbar – der hatte eine geistige Behinderung und wurde morgens mit dem Bus geholt (vermutlich von einem Zivi). Wir anderen fanden ihn merkwürdig, ein bisschen drollig und ein großes bisschen befremdlich. Aber er war für uns auch „keine große Sache“: wir hatten weder ein besonderes Maß an Empathie für die Familie, noch haben wir uns über ihn lustig gemacht. Er war halt da. Und mehr als 40 Jahre später frage ich mich, ob das nicht vielleicht schon ein bisschen Inklusion war.

 

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Als die grauen Busse kamen

30.01.2024

Wenn man das Jubiläumsjahr der Diakonie Stetten wirklich begleiten will, muss man auch in die Ecken, in denen einem nicht zum Feiern zu Mute ist: Die Gedenkstätte Grafeneck bei Gomadingen auf der Schwäbischen Alb. Über 300 Bewohner der Diakonie Stetten wurden hier systematisch von den Nazis getötet, über 10.000 Menschen mit Behinderung insgesamt. Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erinnern Vorstand, Mitarbeiter und Bewohner der Diakonie an dieses unfassbare Kapitel. Wie Menschen aus der Anstalt in Stetten abgeholt – und hierher nach Grafeneck gebracht wurden. In grauen Bussen, wie es später hieß, weil die Schwarzweiß-Fotografie das suggerierte. Wie man noch versucht hat, Bewohner in den Weinbergen zu verstecken. Und wie das für 395 nicht gelang, die in die sogenannte Tötungsanstalt kamen und noch am gleichen Tag ermordet wurden, weil sie anders waren.
 
Zum Gedenken bewegende Reden, die Niederlegung dreier Steine und ein gemeinsamer Besuch des angemessen gut gemachten Dokumentationszentrums. Letztes Jahr waren mehr als 400 Besuchergruppen hier. Es scheint also nicht egal zu sein. Was damals passiert ist – und wie heute daran erinnert wird.
 
Und so beunruhigend es ist, dass es zunehmend Leute (und Parteien) gibt, die da anknüpfen wollen: Menschen auszugrenzen, die nicht in ihr Bild passen. So beruhigend ist es, dass es Hundertausende andere gibt, die jetzt aufstehen, auf die Straße gehen und sagen „Mit uns nicht!“. Denn eines gilt für die Proteste gegen Rechts wie für diese Gedenkstätte: Traurig, dass es das braucht. Gut, dass es das gibt.

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Die Kirche im Dorf gelassen.

25.01.2024

Das Dorf – das war in diesem Fall Kernen-Stetten. Die Kirche die Schlosskapelle auf dem Gelände der Diakonie. Und der Anlass: mein erster „Einsatz“ als Social Media Zivi. Und dann gleich Gottesdienst. Zu sowas gehe ich sonst nur wenn jemand heiratet oder stirbt. Aber an diesem Sonntag war alles anders. Vor allem der Gottesdienst. Es kamen sogar richtige Gospelgefühle auf. Nicht nur, weil die Pfarrerin mit unüberhörbar amerikanischem Akzent durchs Programm geführt hat. Sondern vor allem wegen der wilden inklusiven Mischung an Besuchern: Angehörige, Mitarbeitende und Klient*innen der Diakonie mit all ihren Macken und Beeinträchtigungen.

Das Berührende war dann für mich auch weniger das, was von der Kanzel kam, sondern das, was in den Sitzreihen passierte: ein ständiges Kommen (und auch Gehen), ein Kommentieren, wie schön gesungen wurde und so einige hereingerufene „Amen“ an eher unpassenden Stellen. Das sorgte für eine unglaubliche Lebendigkeit, wie ich sie sonst nicht aus Kirchen kenne. Als dann einer der Klienten während der Predigt aufstand, durch die Sitzreihen ging , Menschen mit Handschlag begrüßte und sich solange umsetzte, bis er den richtigen Platz gefunden hatte, da dachte ich mir: Es kann sehr gut sein, dass dieser Rahmen hier, dieser Ort – und ja, auch dieses Betreuungskonzept – für ihn genau dieser richtige Platz ist.

 

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